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Eigentlich ist Gerhard Mercator (1512 – 1594) Schuld daran, dass Melbourne so oft falsch eingeschätzt wird. Der Mann aus Flandern, der einen großen Teil seines Lebens auch in Deutschland verbracht hat, ist der "Erfinder" der "Mercator-Projektion".

Diese nach ihm benannte Darstellung der Erde auf Landkarten hat es möglich gemacht, die eigentlich der Oberfläche einer Kugel entsprechende Erdoberfläche auf einem planen, rechteckigen Papier darzustellen. Auch im Internet nutzen fast alle Kartendarstellungen die "Mercator-Projektion".

Der Vorteil dieses rund 500 Jahre alten Systems ist unter anderem, dass die Erde sehr anschaulich und winkeltreu dargestellt werden kann. Der größte Nachteil ist wohl, dass zum Beispiel auf einer Weltkarte nach Mercator kein Maßstab angegeben werden kann.

Der ist an verschiedenen Punkten der Karte völlig unterschiedlich. Präzise Entfernungsbestimmungen sind auf einer Mercator-Karte nicht möglich. Anders als ein Globus ist die Karte stark verzerrend.

Reise an den Rand der Antarktis?

Und nun kommen wir wieder nach Melbourne. Als ich meinem Bruder sagte, ich würde für einen Job nach Melbourne fliegen, da war seine spontane Reaktion: "Da bist du ja dann bald in der Antarktis." Er hatte den Fehler gemacht und auf eine Weltkarte geguckt.

Erst auf den zweiten Blick wurde ihm dann klar, was Herr Mercator "angerichtet" hatte. Auf diesen Weltkarten sind die "Inseln" Grönland und Australien nahezu gleichgroß dargestellt.

Tatsächlich aber hat Australien fast die vierfache Fläche Grönlands. Viel irritierender noch: der Äquator ist keineswegs dort, wo er hingehört, in der Mitte der Karte - sondern weit nach unten versetzt, so dass in der nördlichen Hemisphäre alles viel größer (und wichtiger?) dargestellt ist, als in der südlichen.

Der Abstand zwischen der Südspitze Australiens und der Antarktis erscheint also wesentlich kürzer, als er eigentlich ist. Und dann hat mein Bruder nach den Breitengraden geguckt und überrascht festgestellt, dass Melbourne auf dem gleichen Breitengrad liegt, wie zum Beispiel Sizilien (nur eben auf der anderen Halbkugel) - und damit auch ein ähnliches Klima hat.

Entsprechend sonnig und warm war es, als meine Frau und ich kurz vor Weihnachten dort ankamen.

Wenn zwei sich streiten...

Melbourne hat ja einige Zeit mit Sydney im Wettbewerb um die Hauptstadt Australiens gelegen. Da eine Einigung zwischen den beiden Städten nicht absehbar war, wurde 1908 beschlossen, die zukünftige Hauptstadt "Canberra" zu nennen und mitten im Nirgendwo, zwischen den beiden rivalisierenden Großstädten, aus dem Boden zu stampfen.

Sydneys ehemaliger Konkurrent im Süden ist eine tolle Stadt in wunderschöner Lage und mit völlig anderem Charakter als der ehemalige Wettbewerber an der Ostküste.

Neben vielen großen Dingen finde ich zwei Kleinigkeiten in Melbourne mit seinen rund 4,8 Millionen Einwohnern (und einer Fläche, die mehr als zehnmal so groß ist, wie die Berlins) überaus bemerkenswert.

Bitte zum Abbiegen nach rechts ganz links einordnen!

Eine dieser "Kleinigkeiten" ist für ortsfremde Autofahrer manchmal ein Grund für wilde Wutschreie und einen beherzten Biss ins Lenkrad: an vielen Kreuzungen in der Innenstadt muss man sich in der äußersten linken Spur einordnen, wenn man rechts abbiegen will.

Zum Rechtsabbiegen bitte ganz links einordnen.

Das ist überaus gewöhnungsbedürftig und würde, wenn der Verkehr hektischer wäre, sicher zu vielen Unfällen führen.

Die andere Besonderheit könnte, bei guter Planung und vorausdenkender Politik, zum Vorbild für viele andere Millionenstädte werden. In der Innenstadt von Melbourne ist Schwarzfahren angesagt. Ganz legal.

Die Fahrt im Stadtzentrum mit der Straßenbahn ist kostenlos für alle, zu jeder Zeit, so oft und so lange man will.

Fahrpreise wie in Deutschland - Mindestlohn 12 Euro pro Stunde

Und auch wenn man weiter raus will, den Stadtkern verlassen möchte, sind die Preise überaus moderat. Für einen Fahrschein mit einer Gültigkeit von zwei Stunden zahlt man umgerechnet zwischen 1,40 und 2,80 Euro. Umsteigen kann man beliebig oft.

Und gerade mit der Straßenbahn kommt man in Melbourne erstaunlich weit. Nach offiziellen Angaben hat Melbourne das größte Tram-Netzwerk der Welt.

Zusätzlich zu all den Bus- und Metrolinien. Rund 250 Kilometer doppelgleisige Strecke wird von der Straßenbahn befahren. Dabei stoppen die Wagen an mehr als 1.700 Haltestellen.

Natürlich wird die Tram von sehr vielen Fahrgästen benutzt. Das ist ja der Sinn des kostenlosen Angebotes. Die Zahl der Fahrgäste lag im Jahr 2016 bei knapp über 200 Millionen Personen.

Zur Hauptverkehrszeit sind über 90 Prozent der insgesamt 450 Fahrzeuge unterwegs. An manchen Haltestellen hält alle 60 Sekunden eine Bahn.

Bonus für Touristen: Völlig kostenlos

Für Touristen gibt es noch ein Extra-Bonbon: Die Linie 35 fährt als Ringlinie durch die gesamte Innenstadt. Auf dieser Strecke werden ausschließlich Fahrzeuge aus den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eingesetzt.

Gründlich restauriert und mit moderner Sicherheitstechnik fahren sie im Abstand von höchstens zehn Minuten. In den Trams gibt es über die Lautsprecheranlage eine Erklärung zu Sehenswürdigkeiten und zur Streckenführung. Fahrt und Erklärung sind selbstverständlich völlig kostenlos.

Ganz erstaunlich für mich war, dass das Zusammenspiel zwischen Autoverkehr und Straßenbahnen problemlos zu funktionieren scheint. Selbst dort, wo Trams und Individualverkehr sich eine Fahrbahn teilen müssen.

Kostenlos mit der Tram fahren, damit die Stadt Geld spart

Ich wollte wissen, warum der Innenstadtverkehr mit der Straßenbahn kostenlos ist, und habe bei der Transportbehörde in Melbourne nachgefragt. "Weil die Stadt so Geld spart", war die Antwort.

Es fahren Zehntausende Pkws weniger durch das Stadtzentrum, Straßen halten länger, Unfälle sind seltener, die positiven Auswirkungen auf die Luft sind immens. Dazu kommt, dass man keine Fahrkartenkontrolleure bezahlen muss, die Zahl der kostspieligen Strafverfahren gegen Schwarzfahrer ist gegen Null gegangen - und die Zahl der Touristen angestiegen.

Was habe ich gelernt? Dass Melbourne nicht "am Ende der Welt" liegt und schon gar nicht kurz vor der Antarktis. Dass Gerhard Mercator noch immer dazu beiträgt, Menschen in die Irre zu führen und dass in einer Stadt weit im Süden Australiens hervorragende Ideen umgesetzt werden können.

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Melbourne: Kostenlose Straßenbahnen in der australischen Stadt

Die Stadt Melbourne hat sich dafür entschieden, für die Benutzung der Straßenbahnen kein Geld zu verlangen. Dadurch fahren viel weniger Pkws auf den Straßen.

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.


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